
| Dampfende Schwüle, der Schweiß rinnt aus allen Poren, der Kopf dröhnt vom ständigen Gehupe und Geklingel, es riecht nach schlammig aufgeworfener Erde, vermischt mit scharf beißendem Abfallgeruch – wir schlendern durch das Menschengewühl der Strassen und Gassen Kalkuttas, vorbei an endlos aneinander gereihten winzigen Geschäften, Bretterbuden und Hinduschreinen…
Ein Reisebericht von Silvia Alfery |
| Schockierende Bilder von den Ärmsten der Armen, hungernd in Dreck und Apathie, viele nur notdürftig bekleidet, Krüppel ohne Unterleib auf Händen rutschend, nackte Säuglinge neben der im Dreck liegenden Mutterbrust. Ohnmächtig müssen wir diese Bilder in uns eindringen lassen.
Da ist nichts Liebliches in dieser Stadt, kein Platz der Entspannung, wo man die Augen vor der bedrückenden Realität verschließen kann. Ein Hinweisschild weist zum Ordenshaus der Mutter Teresa. Ein Leben lang hat sie dort den Hoffnungslosen ein wenig Trost gegeben, das Bild der Stadt hat auch sie nicht verändern können. Saftig grüne Reisfelder, kleine Dörfer mit bunten Märkten, Siedlungen aus Bretterbuden und Wasser ohne Ende, mächtige Flüsse, der größte 6,5 km breit – so erleben wir im Bus das Land zwischen den Millionenstädten Kalkutta und Dhaka, dem dichtest besiedelten Flecken dieser Erde. DHAKA, HAUPTSTADT VON BANGLADESH Verkehrsgewühl bis lange nach Mitternacht, so empfängt uns Dhaka, die Hauptstadt von Bangladesh. Das Elend scheint hier weit geringer als in Kalkutta. In einem kleinen Boot erleben wir das geschäftige Treiben der Millionenstadt, das sich zu großen Teilen am und auf dem Buriganga-Fluss abspielt. Drei Stunden benötigen wir, um der aus der Stadt strebenden Lawine aus Bussen, LKWs, Scootern und Fahrradrikschas zu entgehen. Die Verkehrsregeln sind klar und eindeutig – der Stärkere gewinnt, der Schwächste wird von der Strasse gefegt. Das setzt sich auch fort, als unser Bus endlich freie Bahn zum Rasen hat und wir bei haarsträubenden Überholmanövern ständig dem Tod ins Auge blicken. Wir? Nein, vor allem die Rad- und Rikschafahrer blicken dem Tod ins Auge. Keiner darf einen Fehler machen. Unzählige Male müssen sie den Asphalt mit dem Strassengraben tauschen, und das stets im richtigen Augenblick. Erstmals sieht Geri diesen Überlebenskampf vom erhabenen Sitz des Buspassagiers. Von hier oben sieht alles noch viel bedrohlicher aus. Mit Schaudern denkt er daran, dass er selbst vor drei Jahren, auf seinem Weg zum Mount Everest, 1500 km lang als Schwächster der Strasse, als Radfahrer sich durch diese Welt kämpfen musste. Irgendwann hat er sich damals an diesen Wahnsinn gewöhnt und so gewöhnen auch wir uns bald daran, gewinnen Vertrauen und landen schließlich sicher an einem der idyllischsten Flecken dieses Landes – im Gebiet der Teeplantagen um Sreemongol. Ein kleines Guesthouse, gastfreundliche Menschen, einfache Dörfer in ländlicher Idylle – für einige Tage entfliehen wir hier dem Lärm und Stress der großen Städte. Zu ungewisser Fahrt brechen wir aus dem 1500 Meter hoch gelegenen Bergstädtchen Shillong nach Guwahati im indischen Assam auf. Assam ist wieder einmal im Aufruhr und ein Generalstreik droht jeglichen Verkehr lahm zu legen. Wir müssen Stefan vom Flughafen abholen, wir müssen morgen in Bhutan sein – wie soll das gehen? Das Glück ist auf unserer Seite und der Generalstreik wird im richtigen Augenblick abgesagt. Wir genießen die Fahrt aus den Bergen hinunter durch den von Wasserfällen, Palmen und riesigen Farnen durchzogenen Dschungel in die Tiefebene Assams und können unseren Freund Stefan ungehindert und rechtzeitig vom Flughafen in Guwahati abholen. Nach einer Substandard-Nacht in einem äußerst einfachen, von Kakerlaken gerne frequentierten Hotel fahren wir am nächsten Morgen auf winzigen Landstrassen weiter in den Norden. Das Weltreich Indien endet abrupt und unvermittelt. Am Ortsausgang des indischen Dörfchens Darranga versperrt ein mit Ornamenten geschmücktes Tor die Weiterfahrt. Nur zu Fuß können wir hindurch und gelangen in eine völlig neue, paradiesische Welt. BHUTAN, THE LAND OF HAPPINESS Anakonda wird die in langen, engen und steilen Kehren auf- und abwärts führende Bergstrasse durch atemberaubende Landschaft genannt. Wir erklimmen immer wieder bis zu 3700m hohe Pässe, Wasserfälle rauschen über steile Abhänge in tief eingeschnittene Täler, an den Hängen verstreut entzückende Häuschen im bhutanesischem Stil, ausschließlich mit Holz und Lehm erbaut, Fachwerk mit Bogenfenstern, reichlich mit Ornamenten und Schnitzereien verziert. Ein Wald aus bunten Gebetsfahnen ist nicht nur vor jedem Haus zu finden, die Fahnen spannen sich über dicht bewaldete Hänge, Brücken, zieren jede Passhöhe. Nur mit einem Guide und mit einer Eintrittsgebühr von 160 US Dollar pro Tag werden Touristen in dieses Land of Happiness gelassen, in der Hochsaison sind es gar 200 US Dollar. Wer bereit ist, diese gewaltigen Summen zu bezahlen, wird hier nichts vermissen – alles ist inkludiert: Guide, Transport, alle Mahlzeiten, erstklassige Hotels und auch alles, was für ein Trekking durch die Berge erforderlich ist. Das Land wurde von einem fast als Heiligen verehrten König weise regiert. Im Vorjahr ist sein nunmehr 29-jähriger Sohn gekrönt worden. Es gibt wohl kaum einen Bereich, der nicht zum Wohl der Leute und der Natur wohldurchdacht wird. »National Happiness« ist das Wort der Stunde und einziges Ziel scheint es zu sein, dieses Bruttosozialglück zu steigern. Gespenstische Nebelfetzen ziehen aufunserer Fahrt vorbei, manchmal ist die Umgebung kaum mehr zu erkennen – es ist Monsunzeit.
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Ein unglaublicher Anblick, wenn die Sonne durchbricht und den Blick freigibt auf einen der unzähligen Dzongs, Klosterburgen mit Türmen und sich schichtweise nach oben verjüngenden teils vergoldeten Dächern. Diese meist weithin sichtbaren Dzongs wirken wie Festungen aus längst vergangenen Tagen. Doch sie sind auch heute noch weltliches und religiöses Verwaltungszentrum der jeweiligen Region. Finanzund Meldeamt in uralten Räumen mit zeitgemäßer, computerunterstützter Ausstattung – welch ein Bild.
Das touristische Interesse gilt vorwiegend dem religiösen Bereich des Dzongs, den Behausungen und Ausbildungsstätten der Mönche und natürlich dem Tempel. Wir beobachten kleine rotgewandete Mönchsbuben beim Schreiben und Lesen und lauschen den eindrucksvollen Klängen der großen Trommeln und den bodenlangen Hörnern. Im Innersten des Heiligtums befinden sich riesige und kleinere vergoldete Statuen von Buddha, Heiligen und verehrten Persönlichkeiten. Kunstvoll aus gefärbter Butter hergestellte Gebilde, Schalen mit heiligem Wasser, Blumen, Räucherstäbchen zieren eine Art Altar, und natürlich diverse Opfergaben, meist Geldscheine, aber auch Obst, Kekse, Chips, Cola, Alkohol… Karma, unser Guide, immer in landesüblicher Tracht mit einer Art kariertem Rock bekleidet, führt uns anhand der prächtigen Wandmalereien in den Buddhismus ein, untermauert all dies mit unzähligen Geschichten, die manchmal wie die Sagen des klassischen Altertums anmuten. Nachdem wir auf der einzigen Strasse Bhutans das Land von Osten nach Westen durchquert haben, erreichen wir die Hauptstadt Thimpu, ca. 100 000 Einwohner, wohl die einzige Metropole der Welt, in der es keine Verkehrsampel gibt. Der Polizist, der an Thimpus lebhaftester Kreuzung unter dem Dach eines kleinen Häuschens den Verkehr regelt, ist ein Künstler, seine gleitenden Handbewegungen in weißen Handschuhen wirken wie Figuren eines Tänzers. Wir werden hier nicht lange verweilen, denn nun soll uns eine 10-tägige Wanderung tief hinein in die Berge des Himalaja führen. TREKKING-TOUR IN BHUTAN Wer geht im Monsun in Bhutan trekken? Niemand, antwortet Karma höflich. Dass das Ganze eine Schnapsidee ist, will niemand aussprechen, doch die auftretenden Begleitumstände bedürfen keiner Interpretation. Während unserer 10-tägigen Wanderung wollten wir zwei langen Tälern über zwei hohe Pässe folgen – der sogenannte Jomolhari-Trek. Es gibt ihn nicht mehr. Die Regenfälle des Monsun haben die Wege und Brücken unseres Aufstiegstales weggeschwemmt. So müssen wir unseren Weg bereits in einem kleinen Wäldchen über Thimpu starten und sollten nach vier Tagen auf den begehbaren Teil des Jomolhari-Treks treffen. Außer unseren Horsemen kennt niemand diesen Weg, von Touristen ist er noch nicht begangen worden. In jedem Fall wird dadurch unser Weg um vieles länger, dennoch stehen uns nur die geplanten 10 Tage zur Verfügung – mörderisch lange Tagesetappen sind zu erwarten. Am nächsten Morgen fahren wir in dieses Erholungsgebiet bei Thimpu und treffen auf 13 Packpferde bzw. Maultiere, zwei Köche, zwei Horsemen und einen Helfer, und natürlich auf unseren treuen Guide Karma. Geri ist fassungslos! Wozu der ganze Aufwand? Als erfahrener Nepal-Trekker ist er es gewohnt, ohne Begleiter mit seinem Rucksack von Dorf zu Dorf zu ziehen und dort Unterkunft und Verpflegung vorzufinden. Doch Bhutan-Trekking ist nicht Nepal-Trekking! Es wird hier keine Dörfer geben. Alles, was wir brauchen, müssen wir mit uns führen. Und ob es die Wege und Brücken, die unsere Horsemen kennen auch nach den Regenfällen der letzten Wochen noch gibt, das werden die nächsten Tage weisen. Durch einen herrlich duftenden Nadelwald steigen wir von 2800 Meter auf, kaum zu glauben, dass wir am Fuße des Himalaja marschieren! Wir umrunden immer wieder Chorten, passieren kleine, oft steil und malerisch in den Abhang gebaute Klöster, und sind nach rund vier Stunden bereits am 4100 Meter mit Gebetsfahnen umwehten Dochu-Pass. Von hier sollte es eigentlich bergab zum Zeltlager gehen, aber für unseren Guide Karma ist der Weg genauso neu wie für uns. Ohne große Höhenunterschiede geht es nun über unzählige kleine Pässe, hinter jeder Geländeformation erhoffen wir das Ende unseres Tagwerks. Erst nach weiteren drei Stunden erblicken wir auf einer lieblich anmutenden Blumenwiese unser Lager! Lager? Ja, unsere Mannschaft ist mit den Pferden schon vor einer Stunde hier angekommen und hat die Zelte aufgestellt. Nach Tee und Keksen kuscheln wir uns etwas erschöpft in unsere Schlafsäcke und stehen erst wieder zum, von unseren Köchen köstlich, in mehreren Gängen zubereitetem, Abendessen auf. Luxus auch hier in »the middle of nowhere «. Zartes Gebimmel der umherstreunenden Pferde begleitet uns in den wohlverdienten Schlaf. Leider bleibt uns der Wettergott nicht gewogen – am nächsten Tag schüttet es ohne Unterlass. Schnell werden die steilen Bergpfade zu Bächen, wir mühen uns in wild bergab stürzenden Wasserrinnen über Geröll und rutschige Schieferplatten. Bald schon sind wir waschelnass und mit quatschenden Schuhen erreichen wir nach sieben Stunden einen 4400 Meter hohen Pass, unter dem unser Lager liegt. Kurz bricht sogar die Sonne hervor, aber schon nach wenigen Minuten hat uns der wie ein Dämon nacheilende Nebel wieder eingeholt. Hätten wir doch, wie unser Guide meinte, auf der Passhöhe laut schreien sollen, um die Dämonen zu verscheuchen? EIN LEOPARD IM LAGER In der Nacht herrscht große Aufregung! Ein Leopard ist um unser Lager geschlichen, die Pferde sind in wilder Panik davongestürzt. Geduldig sammelt Dopke am Morgen seine Tiere von den verstreuten Berghängen ein. Ein herrlicher Sonnenmorgen erwartet uns und gibt den Blick frei auf tiefgrüne Bergseen, umringt von imposanten Bergketten, eingebettet in ein märchenhaftes Blumenmeer, es duftet nach Minze und anderen frischen Kräutern. Und dann entdecken wir: Edelweiß! Nicht eines – wie ein weißer Strahlenteppich ziehen sie entlang unseres Pfades! Unsere Abenteuerlust wird an breiten Flüssen gestillt: diese müssen wir etliche Male durchqueren. Während Geri und Stefan ihre Schuhe ausziehen und sich durch die reißende und eisige Strömung kämpfen, bestehen unsere Begleiter darauf, mich durchs Wasser zu tragen. In den nächsten beiden Nächten prasselt heftiger Regen auf unser Zeltdach und am Morgen müssen wir wohl oder übel in nasse Socken und Schuhe schlüpfen, denn trocken wird nun nichts mehr… Am vierten Tag begegnen wir erstmals Menschen. Hinter einer der vielen Passhöhen tauchen unvermittelt zwei Steinhütten von Yak-Hirten auf. Scheu blicken die Bewohner aus den Hütten heraus, niemand kommt auf uns zu. Besucher ist man hier nicht gewohnt. Wieder geht es durch grandiose Landschaft und über mehrere Pässe hinauf auf den fast 5000 m hohen Yale-Pass. Selbst in dieser Höhe gucken noch bunte Blumen unter den Schneehäubchen hervor. Ruhetag! Und ein strahlend sonniger noch dazu! Wir räumen all unsere Sachen zum Trocknen aus dem Zelt, genießen den Blick auf die Eiswände der uns umgebenden, fast 7000 m hohen Berggiganten Jichu Drake und Tsheri Kang. Anderntags brechen wir frühmorgens auf und steigen durch Rhododendronwälder immer höher hinauf, begleitet von lieblichem Vogelgezwitscher und dem Krachen abgehender Eislawinen. Immer wieder treffen wir auf Yakherden, der Anblick der mächtigen Bullen lässt uns erschaudern und viele haben die lästige Angewohnheit, mitten am Weg zu liegen. Unglaublich! Es reicht, sich zu bücken und einen kleinen Stein aufzuheben, und die mächtigen Viecher nehmen Reissaus. So schön das Wetter heute ist, knapp unter dem 4890 Meter hohen Nyile-Pass fängt es an zu graupeln und eisiger Wind bläst uns entgegen. Trotz Nebels wagen Geri und Stefan noch den Aufstieg auf den 5090 Meter hohen Nyilele Peak. Im Abstieg verweilen wir in einer Hütte von Yak-Hirten. Beißender Rauch im Inneren trübt die Gemütlichkeit. Wir schlürfen frische Yakmilch und machen uns gestärkt an den weiteren Abstieg. Weil es nun fast ohne Unterlass regnet, steigen wir in statt der geplanten drei in nur zwei Tagen nach Drugyel Dzong, dem Beginn der Asphaltstrasse, ab – ein langwieriges, täglich bis zu neun Stunden dauerndes mühsames Unterfangen, müssen wir uns doch durch Schlamm und Matsch kämpfen! Es wird ein zweitägiger Balanceakt auf dünnen Ästen, glatten Wurzeln und spitzen Steinen, bei jedem Ausrutscher landet man unweigerlich im Morast… Begleitet wird der Weg von einem gewaltig reißenden Fluss, der zum Teil den Pfad überspült, sodass wir uns an Gebüsch, Wurzeln und Ästen festhalten müssen, um überhaupt passieren zu können. Und dann tut sich vor uns plötzlich der Abgrund auf! Eine Schlammlawine hat den Weg weggerissen! Ratlos stehen wir samt Pferden vor dem Aus, ein Weiterkommen scheint unmöglich! Aber wir müssen irgendwie durch! Meine armen Pferde, jammert einer der Horsemen und treibt sie den fast senkrechten Abhang durch das dichte Unterholz hinauf und auf der anderen Seite wieder hinunter. Vorsichtig queren wir inzwischen auf einem fußbreiten Streifen, tief unter uns den brüllenden Fluss! Als wir drüben sind, atmen alle auf, weder Mensch noch Pferd sind abgestürzt. AUSKLANG IM TAKTSANG-KLOSTER Den letzten Tag verbringen wir wie die meisten Touristen in Bhutan. Wir steigen zum Taktsang-Kloster, dem touristischen Highlight des Landes hinauf. Das als Tigernest bekannt gewordene Kloster klebt in einer Hunderte Meter hohen, senkrechten Felswand – ein atemberaubender Anblick. Danach trennen sich unsere Wege. Stefan und ich kehren auf verschiedenen Routen nach Österreich zurück, Geri fliegt weiter nach Kathmandu, von wo er wenige Tage später nach Tibet zum Cho Oyu aufbrechen will.
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