Wüstenwellen

   Mit dem Rad durch die Sahara

    Bericht von Sylvia Alfery und Geri Winkler

Entspanntes Schlendern über die Strand-Promenade von Agadir, zwei ruhige Tage an Marokkos Atlantikküste lassen uns schnell den europäischen Winter vergessen. Kleine Straßenlokale laden zum gemütlichen Nachmittagskaffee ein, wir teilen die befreiende Urlaubsstimmung mit Tausenden Sonnenhungrigen aus dem Norden. Nur die zwei Drahtesel im Innenhof unseres kleinen Hotels erinnern uns daran, dass uns ein ganz anderes Ziel in dieses Freizeitparadies geführt hat.

Irgendwo im Süden, niemand kann genau sagen wo, beginnt die größte Wüste der Erde und seit knapp zwei Jahren kann man die Sahara auf einem nagelneuen, fast durchgehenden Asphaltband durchqueren. Grund genug für uns, die große Einsamkeit auf unseren Rädern zu erleben, zu erfühlen, in ihr einzutauchen.

Wir steuern nicht auf direktem Wege auf die Wüste zu. Die aus vielen Berichten bekannten Schönheiten von Marokkos Bergwelt führen uns in die 2000 Meter hohe Bergwelt des Anti-Atlas – fast 300 Kilometer Umweg und wohl der schwierigste Teil unserer Radtour.
Nach zwei Tagen rollen wir frühmorgens aus dem bunten Treiben Agadirs hinaus in die ländliche Einsamkeit. Die Straße windet sich in steilen Kehren auf und ab, aber mit jeder Kehre wird die Aussicht auf Täler mit blühenden Mandelbäumen, Arganien und Blumen in verschiedenen Gelbtönen strahlend herrlicher.

Mächtige Wohnburgen (Kasbahs) tauchen auf, steile Berghänge mit Terrassenfeldern, kleine Lehmhäuser kleben wie Adlerhorste an Felshängen, hin und wieder ein winziger Laden, in dem wir Limonade und Kekse kaufen können.
Wir keuchen uns meterweise strampelnd und schiebend über etliche Pässe, bis wir endlich den höchsten von ihnen, den Tizi Mlil, auf 1700m erreicht haben Die Sonne verzaubert bereits mit ihren letzten Strahlen die Berggipfel ringsum und wirft lange Schatten ins Tal hinunter nach Tafraoute, das wir in vergnüglich rasender Abfahrt erreichen.
Einige Tage durchstreifen wir die Bergwelt und die Schluchten des Antti-Atlas, verweilen in fruchtbaren, mit Palmen dicht bewachsenen Oasen, begegnen festlich geschmückten Berberfrauen. Die steile Abfahrt in die Souss-Ebene führt uns zurück auf die Hauptroute in Richtung Sahara.

Eile haben wir keine. Nicht sportlicher Ehrgeiz hat uns zu den Rädern greifen lassen, sondern das Wissen, dass diese fremde Lebenswelt mit diesem einfachen Fortbewegungsmittel viel besser erfühlbar wird. Noch bleiben wir auf Nebenstraßen, die entlang der Küste durch idyllische Fischerdörfer führen.
Erst in dem kleinen Küstenort Tarfaya wird spürbar, dass wir uns nun wirklich in der großen Wüste befinden. Wir finden Unterkunft in einem Privathaus und sind erstaunt über die verschwenderische Innenausstattung, wirken doch die Häuserzeilen wie versandete Ruinen!
Nachdenklich schweifen unsere Blicke in die Ferne, nur wenige Seemeilen entfernt befindet sich die von Hotelketten geprägte Insel Fuerte Ventura, doch wir fühlen uns hier in diesem vom Wüstensand umwehten Fischerdörfchen wesentlich wohler und heimeliger.

Zeitig am Morgen brechen wir zu unserer ersten wirklichen Wüstenetappe auf. Auf mehr als 100 km nichts als Sand, Steine, Dünen und Dornengestrüpp, vereinzelt kreuzen Ziegen- und Kamelherden unsere in die Endlosigkeit verlaufende Route.
Wir hängen unseren Gedanken nach, müssen nur darauf achten, dass uns entgegenkommende LKWs durch ihren Sog nicht von der Straße fegen. Freundliches Winken, Hupen, Blinken und anerkennende Gesten muntern uns auf.

Südlich von Tarfaya passieren wir die Grenze zur Westsahara und bewegen uns nun in einem Gebiet, das vor kurzem noch heftig umkämpft war. Eigener Staat oder nicht, eine Volksabstimmung soll diese Frage klären. Niemand weiß, wann diese stattfinden soll. Derzeit wird das Land der Saharawis von Marokko verwaltet.

Nur drei nennenswerte Orte sind auf den nächsten 1000 Kilometer zu erwarten – eine fast menschenleere Welt, Felsschluchten, Sanddünen in allen Farbschattierungen, so weit das Auge reicht, und immer wieder der Blick auf die schroffe, von Schiffswracks übersähte Steilküste. Unterwegs beziehen wir in Abstellräumen und Hinterzimmern der spärlichen Tankstellen unser Quartier. Abwechslung bieten die wenigen Orte – buntes Basar-Treiben – Marktschreier und Wunderheiler von Menschentrauben umringt.

Wir sehen einige Häuser und Baracken im Wüstensand – die Grenze zu Mauretanien.
Wenige Stunden später erreichen wir bei Dunkelheit die erste Stadt in Mauretanien, Nouahdhibou, biegen mitten im Gewühl in einen sauberen, freundlich angelegten Campingplatz ein und spülen Schweiß und Staub mit Wasser und Limonade hinunter.
Eine völlig andere Welt erwartet uns hier: andere Gerüche, Farben und Geräusche, das Straßenbild ein kunstvolles Flickwerk von allem. Stolz tragen die Männer ihre weißen oder hellblauen wallenden Umhänge.

Wir haben Ralf und Gaby aus Deutschland kennen gelernt, die mit ihrem Vierrad-betriebenen Mercedes-Bus durch Afrika touren. Sie bieten uns an, sie auf einer Reise zu begleiten, die für unsere Fahrräder off-limits wäre. 800 Kilometer off road, tief hinein in die Wüste entlang uralter Karawanenwege. Weglos kurven wir durch eine faszinierende Dünenlandschaft, für die gesamte Strecke stehen uns nur für vier Punkte die GPS-Daten zur Verfügung.
Kleine Siedlungen und Kamelherden tauchen immer wieder auf, flache steinige Leere wechselt mit kleinen Sanddünen, strohige Büschel, vereinzelt Bäumchen und - ausgebleichte Knochenreste.
Abends suchen wir stets ein idyllisches Plätzchen, genießen Oliven, Nüsse, lecker zubereitete Fische, Bier, Rotwein und....Whisky!

Wir gelangen in die Adrar-Berge, eine der reizvollsten Gegenden der Sahara. Eine schroffe Bergwelt, gewundene atemberaubende alte Passstrassen, ein unendlich scheinendes Dünenmeer, Bilderbuch-Oasen. Unser Weg führt uns in 1000 Jahre alte Städtchen, nach Quadane und Chinguetti, wo einige der großen islamischen Kunstschätze Jahrhunderte wirtschaftlicher Bedeutungslosigkeit überdauert haben. Die untergehende Sonne taucht die Winkel und Gassen der verlassenen Altstadt in intensives Braunrot.

Nach zehn Tagen kehren wir nach Nouadhibou zu unseren Rädern zurück um unseren Weg durch die Sahara fortzusetzen 500 Kilometer ohne Siedlung. Hin und wieder ein paar Zelte. “Auberge“ und „Restaurant“ kann man verheißungsvoll auf Papptafeln lesen.


Im Tal der Ameln


In der Schlucht Ait Mansour


Berber im Anti-Atlas


Sylvi in der Wüste


Wüsten-Haghway am Wendekreis des Krebses


Atlantikküste in der Westsahara


Weiße Dünen bis ans Meer


In einem Dorf an der Piste nach Choum


Kamele an der Piste nach Choum


Monolith Ben Amira

Viel mehr als altes Brot und eine auf einem Riesentablett servierte Sardinenbüchse kann man hier aber nicht bekommen. Der Wunsch nach Gabeln ruft einiges Schmunzeln hervor, sie werden aber nach einigem Suchen im Zeltdorf aufgetrieben.

Der feine Muschelsand knirscht unter unseren Rädern, als wir Mauretaniens Hauptstadt Nouakchott erreichen, eine sandige Wüstenstadt, aber welch Höllenverkehr! Zum einen werden wir mit Klatschen und Hupen begeistert begrüßt, zum anderen drängen uns einige Unbeherrschte gnadenlos vom Asphalt in den Sandstreifen, wo wir natürlich kaum Halt finden. Wir lächeln und fluchen, je nachdem.

Südlich von Nouakchott wird die Welt belebter, die Landschaft lieblicher. Zart rosa Dünen, grüne Sträucher und Bäume, anmutige Dörfer, freundlich "Monsieur, Madame, ca va?" rufende Kinder.
Es ist der letzte Tag in der Wüste. Plötzlich kommt mächtiger Wind auf, der den Sand über die auf- und abschlängelnde rissige Straße peitscht. Im Nu füllen sich die großen Schlaglöcher und werden für uns zur Gefahr. Bald schon können wir nur mehr wenige Meter voraussehen, entgegenkommende Fahrzeuge nebeln uns zusätzlich mit heißem Sand ein, sodass wir für einige Augenblicke im Blindflug radeln.
Wie weich gezeichnet nehmen sich Hütten, Zelte und Menschen in der sandgeschwängerten Umgebung aus. Der Sturm tobt bald so heftig, dass wir Mühe haben unsere Räder auf der Straße zu halten.

Und dann ist sie mit einem Mal vorbei – die größte Wüste der Welt – nach fast 2000 Kilometern. Wir stehen am Ufer des Senegal-Flusses, setzen mit der Fähre hinüber in den gleichnamigen Staat – alles grün und belebt. Wir sind in Schwarzafrika.
Wenige Tage später erreichen wir Senegals Hauptstadt Dakar – Endpunkt der berühmten Rallye Paris-Dakar und Endpunkt unseres 40-tägigen Radabenteuers. Wir schicken unsere treuen Gefährten zurück in die Heimat, doch für uns ist die Reise noch lange nicht zu Ende. Mit öffentlichen Verkehrsmitteln und leichtem Gepäck geht es weiter durch die Sahel-Zone bis ins tropische Afrika – wir erleben die Highlights Malis, Burkina Fasos, Benins und Togos und lassen ein faszinierendes Abenteuer an den Traumstränden Ghanas ausklingen.


Im Adrar-Bergland


Ouadane


In der Wüste


Weiße Dünen bei Nouakchott


Am Atlantik in Mauretanien


Rast in der Wüste


Rast - das Ende der Wüste ist fast erreicht


Saint Louis-Straßenbild


Auf der Ile de Goree-Dakar