
| Entspanntes Schlendern über die
Strand-Promenade von Agadir, zwei ruhige Tage an Marokkos Atlantikküste
lassen uns schnell den europäischen Winter vergessen. Kleine Straßenlokale
laden zum gemütlichen Nachmittagskaffee ein, wir teilen die befreiende
Urlaubsstimmung mit Tausenden Sonnenhungrigen aus dem Norden. Nur die zwei
Drahtesel im Innenhof unseres kleinen Hotels erinnern uns daran, dass uns
ein ganz anderes Ziel in dieses Freizeitparadies geführt hat.
Irgendwo im Süden, niemand kann genau sagen wo, beginnt die größte Wüste der Erde und seit knapp zwei Jahren kann man die Sahara auf einem nagelneuen, fast durchgehenden Asphaltband durchqueren. Grund genug für uns, die große Einsamkeit auf unseren Rädern zu erleben, zu erfühlen, in ihr einzutauchen. Wir steuern nicht auf direktem Wege auf die Wüste zu. Die aus vielen
Berichten bekannten Schönheiten von Marokkos Bergwelt führen uns in die
2000 Meter hohe Bergwelt des Anti-Atlas – fast 300 Kilometer Umweg und
wohl der schwierigste Teil unserer Radtour. Mächtige Wohnburgen (Kasbahs) tauchen auf, steile Berghänge mit
Terrassenfeldern, kleine Lehmhäuser kleben wie Adlerhorste an Felshängen,
hin und wieder ein winziger Laden, in dem wir Limonade und Kekse kaufen können. Eile haben wir keine. Nicht sportlicher Ehrgeiz hat uns zu den Rädern
greifen lassen, sondern das Wissen, dass diese fremde Lebenswelt mit
diesem einfachen Fortbewegungsmittel viel besser erfühlbar wird. Noch
bleiben wir auf Nebenstraßen, die entlang der Küste durch idyllische
Fischerdörfer führen. Zeitig am Morgen brechen wir zu unserer ersten wirklichen Wüstenetappe
auf. Auf mehr als 100 km nichts als Sand, Steine, Dünen und Dornengestrüpp,
vereinzelt kreuzen Ziegen- und Kamelherden unsere in die Endlosigkeit
verlaufende Route. Südlich von Tarfaya passieren wir die Grenze zur Westsahara und bewegen uns nun in einem Gebiet, das vor kurzem noch heftig umkämpft war. Eigener Staat oder nicht, eine Volksabstimmung soll diese Frage klären. Niemand weiß, wann diese stattfinden soll. Derzeit wird das Land der Saharawis von Marokko verwaltet. Nur drei nennenswerte Orte sind auf den nächsten 1000 Kilometer zu erwarten – eine fast menschenleere Welt, Felsschluchten, Sanddünen in allen Farbschattierungen, so weit das Auge reicht, und immer wieder der Blick auf die schroffe, von Schiffswracks übersähte Steilküste. Unterwegs beziehen wir in Abstellräumen und Hinterzimmern der spärlichen Tankstellen unser Quartier. Abwechslung bieten die wenigen Orte – buntes Basar-Treiben – Marktschreier und Wunderheiler von Menschentrauben umringt. Wir sehen einige Häuser und Baracken im Wüstensand – die Grenze zu
Mauretanien. Wir haben Ralf und Gaby aus Deutschland kennen gelernt, die mit ihrem
Vierrad-betriebenen Mercedes-Bus durch Afrika touren. Sie bieten uns an,
sie auf einer Reise zu begleiten, die für unsere Fahrräder off-limits wäre.
800 Kilometer off road, tief hinein in die Wüste entlang uralter
Karawanenwege. Weglos kurven wir durch eine faszinierende Dünenlandschaft,
für die gesamte Strecke stehen uns nur für vier Punkte die GPS-Daten zur
Verfügung. Wir gelangen in die Adrar-Berge, eine der reizvollsten Gegenden der Sahara. Eine schroffe Bergwelt, gewundene atemberaubende alte Passstrassen, ein unendlich scheinendes Dünenmeer, Bilderbuch-Oasen. Unser Weg führt uns in 1000 Jahre alte Städtchen, nach Quadane und Chinguetti, wo einige der großen islamischen Kunstschätze Jahrhunderte wirtschaftlicher Bedeutungslosigkeit überdauert haben. Die untergehende Sonne taucht die Winkel und Gassen der verlassenen Altstadt in intensives Braunrot. Nach zehn Tagen kehren wir nach Nouadhibou zu unseren Rädern zurück um unseren Weg durch die Sahara fortzusetzen 500 Kilometer ohne Siedlung. Hin und wieder ein paar Zelte. “Auberge“ und „Restaurant“ kann man verheißungsvoll auf Papptafeln lesen. |
![]() Im Tal der Ameln ![]() In der Schlucht Ait Mansour ![]() Berber im Anti-Atlas ![]() Sylvi in der Wüste ![]() Wüsten-Haghway am Wendekreis des Krebses ![]() Atlantikküste in der Westsahara ![]() Weiße Dünen bis ans Meer ![]() In einem Dorf an der Piste nach Choum ![]() Kamele an der Piste nach Choum ![]() Monolith Ben Amira |
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Viel mehr als altes Brot und eine auf einem Riesentablett servierte Sardinenbüchse kann man hier aber nicht bekommen. Der Wunsch nach Gabeln ruft einiges Schmunzeln hervor, sie werden aber nach einigem Suchen im Zeltdorf aufgetrieben. Der feine Muschelsand knirscht unter unseren Rädern, als wir Mauretaniens Hauptstadt Nouakchott erreichen, eine sandige Wüstenstadt, aber welch Höllenverkehr! Zum einen werden wir mit Klatschen und Hupen begeistert begrüßt, zum anderen drängen uns einige Unbeherrschte gnadenlos vom Asphalt in den Sandstreifen, wo wir natürlich kaum Halt finden. Wir lächeln und fluchen, je nachdem. Südlich von Nouakchott wird die Welt belebter, die Landschaft
lieblicher. Zart rosa Dünen, grüne Sträucher und Bäume, anmutige Dörfer,
freundlich "Monsieur, Madame, ca va?" rufende Kinder. Und dann ist sie mit einem Mal vorbei – die größte Wüste der Welt
– nach fast 2000 Kilometern. Wir stehen am Ufer des Senegal-Flusses,
setzen mit der Fähre hinüber in den gleichnamigen Staat – alles grün
und belebt. Wir sind in Schwarzafrika. |
![]() Im Adrar-Bergland ![]() Ouadane ![]() In der Wüste ![]() Weiße Dünen bei Nouakchott ![]() Am Atlantik in Mauretanien ![]() Rast in der Wüste ![]() Rast - das Ende der Wüste ist fast erreicht ![]() Saint Louis-Straßenbild ![]() Auf der Ile de Goree-Dakar |